Filiz Osmanodja – Europäische Vizemeisterin 2008

Bericht: Dr. Gerhard Schmidt, Ehrenvorsitzender des SVS
Veröffentlicht in Rochade Sachsen 11/2008
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Filiz bei der Siegerehrung der Jugend-EM 2008 Am 24. September stand es bei der Jugend-Europameisterschaft 2008 in Herceg Novi (Montenegro) nach neun anstrengenden Runden fest: Filiz Osmanodja hatte in der Altersklasse U12w hinter Anna Styazhkina (Russland) den 2. Platz belegt und damit nach 6 deutschen Meistertiteln in den Altersklassen U12 und U10 ihre erste internationale Medaille errungen.

Wer hätte an so einen Erfolg vor reichlich 6 Jahren gedacht, als die 5-jährige Filiz (geb. 7.3.1996) im Spätherbst 2001 ihren zwei Jahre älteren Bruder Bilgin zum Nachwuchstraining der USV TU Dresden begleitete, um einmal beim Schachtraining zuzuschauen. Dr. Nauber, der das Anfängertraining leitete, staunte nicht schlecht, als die kleine Filiz nach dem Training nicht sofort nach Hause gehen, sondern mit ihm noch eine Partie spielen wollte. Mir ging es einige Wochen später ähnlich. Dabei überraschte, dass Filiz zwar große Spielfreude zeigte, ihre Züge aber immer erst nach einiger Überlegung ausführte (Anfänger ziehen sonst zumeist schnell). Nach einer verlorenen Partie wollte sie gleich eine zweite anfangen. Filiz blieb so nicht lange Zuschauer, sondern wurde bald ins Gruppentraining eingebunden. So wurde sie bereits als 5-Jährige am 1.2.02 Mitglied der Abteilung Schach der USV TU Dresden. Ihr Bruder hatte sich schnell sehr gut entwickelt, schaffte die Qualifikation für die Bezirksmeisterschaft 2002 und dort in der AK U10 gleich den zweiten Platz. Da Vater Osman (ein Schachspieler mittlerer Stärke) Bilgin begleitete, wurde auch Filiz mitgenommen und durfte an der Bezirksmeisterschaft U8w (dafür war keine Qualifikation nötig) teilnehmen. Sie erreichte dabei überraschend unter sechs Teilnehmerinnen gleich mit dem dritten Platz ihre erste Medaille.

Danach ging es mächtig voran, wenn auch nicht ohne Rückschläge. Bei der Sachsenmeisterschaft 2002 wurde sie (als einzige noch ohne DWZ) Sechste unter acht Spielerinnen, allerdings schon mit drei Punkten (Siegerin R. Spangenberg). In einer DWZ-Liste vom 26.7.02 ist sie schon mit einer DWZ von 763 eingetragen. Deshalb wurde sie im Spieljahr 2002/03 erstmals als Stammspielerin in einer Mannschaft eingesetzt: am dritten Brett der Bezirksligamannschaft USV TU I der AK U10 (ihr Bruder am 1. Brett). Am 4.1.03 beim Porzellan-Nachwuchscup noch Letzte mit 0 Punkten (Sieger Bilgin Osmanodja!), holte sie bei der Bezirksmeisterschaft kurz danach erstmals den Titel in der U8w und zusätzlich den 2. Platz in der U10 (hinter D. Rührmund und u. a. vor H. Möhn). Bei der Sachsenmeisterschaft 2003 folgte dann in der AK U8w der Landesmeistertitel mit 6,5 aus 7 vor Titelverteidigerin R. Spangenberg und damit die Zulassung für die Deutsche Jugendmeisterschaft U10. Ein zweiter sächsischer Meistertitel kam mit der U10-Mannschaft USV TU I hinzu, zusammen mit Bruder Bilgin.

Filiz bei der ersten Deutschen Jugendmeisterschaft 2003 Den nächsten Erfolgshöhepunkt stellte der 3. Platz bei der Deutschen Jugendmeisterschaft 2003 in Willingen in der Altersklasse U10w dar. Da der Schachverband Sachsen mich in Willingen als Trainer für die AK10 eingesetzt hatte, konnte ich dieses für die weitere Entwicklung von Filiz so bedeutende Ereignis vor Ort miterleben. Filiz spielte für uns alle sensationell, teilte ihre Bedenkzeit gut ein, kämpfte bis „zur letzten Patrone“ und wurde auch in kritischen Stellungen nicht nervös (ganz im Gegensatz zu ihrem zur Betreuung mitgereisten Vater), und das mit gerade 7 Jahren!

Im Überschwang der Gefühle habe ich kurz danach ihrem Vater gesagt, dass es möglich sein sollte, Filiz nicht nur in die deutsche, sondern eventuell sogar in die Weltspitze zu führen. Bei Filiz waren ja alle Bedingungen gegeben, die für eine ausgezeichnete schachliche Entwicklung eines Kindes benötigt werden: Volle Unterstützung durch das Elternhaus, volle Unterstützung durch die Abteilung Schach des USV TU Dresden, große Liebe zum Schachspiel beim Kind, dazu die erforderliche Begabung, großen Kampfgeist am Brett (Kampf dem Remis!), Kondition und gute Nerven. Natürlich habe ich diese etwas leichtfertige Aussage in der Zwischenzeit (in der es ja nicht immer nur aufwärts ging) manchmal bereut. Heute bin ich darauf stolz! Nach dieser Aussage stellten wir uns (Abteilung Schach der USV TU, Vater Osman und ich) für Filiz zu Recht das Ziel, 2004 den ersten deutschen Meistertitel zu erringen und diesen dann in den folgenden Jahren zu verteidigen. Die USV TU beschloss, dass Filiz zusätzlich zum Gruppentraining von mir in Einzeltraining betreut wird.

Filiz (Ende August schon mit DWZ 1353) hatte sich mit dem 3. Platz bei der Deutschen Jugendmeisterschaft für die Teilnahme an der Jugend-Weltmeisterschaft 2003 qualifiziert. Allen war klar, dass die Meisterschaft nur zum Lernen da ist. Mehr als der erreichte 62. Platz unter knapp 100 Mädchen war nicht zu erwarten. Also kein Misserfolg! Wichtig die erste Gewinnpartie gegen eine Australierin mit den schwarzen Steinen und Wolga-Gambit (schon Produkt des Einzeltrainings)! Es zeigte sich, dass Filiz den Sinn der Eröffnung gut verstanden und ihre Technik sich weiterentwickelt hatte:

Stellung 1 Smidt, K. – Osmanodja, Filiz, WM 2003 U10w
1. d4 Sf6 2. c4 c5 3. d5 b5 4. cxb5 a6 5. bxa6 Lxa6 6. Sc3 d6 7. e4 Lxf1 8. Kxf1 g6 9. Sge2 Lg7 10. Le3 0-0 11. f3 Sbd7 12. Kf2 Da5 13. Db3 Tfb8 14. Dc2 Se5 15. Thb1 Sc4 16. Lf4 Db4 17. a3 Db3 18. Dxb3 Txb3 19. Lc1 Tab8 20. Ta2 Sd7 21. Sa4? (s. Diagramm) Sxa3! -+ 22. Txa3? Txa3 23. bxa3 Txb1 24. Ld2 Tb8 25. Sg3 Ta8 26. Sc3 Lxc3 27. Lxc3 Txa3 28. Se2 Sb6 29. Lb2 Ta2 30. Lc1 c4 31. Ke3 Sa4 32. Ld2 c3 33. Sxc3 Sxc3 34. Lxc3 Txg2 35. h4 Th2 36. Le1 Ta2 37. Kf4 Ta4 38. Kg5 Ta3 39. f4 Te3 40. La5 Kg7 41. Ld8 Tg3#

 

Von vornherein suchten wir nach Trainings- und Wettkampfmöglichkeiten, bei denen sich Filiz mit Stärkeren messen musste. Vorteilhaft war, dass Filiz sich beim Gruppentraining im Verein als weitaus Jüngste in einer starken Gruppe u. a. mit Erik Schäfer (2004 2. Sachsenmeister U14 und 2007 Sachsenmeister U18), Bilgin Osmanodja (2004 Deutscher Meister U10), Nicole Lorenz (2005 Sachsenmeisterin U14) und Philipp Boos (2004 3. Deutscher Meister U10) behaupten musste. Schon im Spieljahr 2003/04 konnte sie mit gestiegener Spielstärke voll mithalten. Als sie trainingshalber (noch als Spielerin der AK U8!) die Bezirksmeisterschaft 2004 der Jungen U14 mitspielte, überraschte sie wiederum. Sie wurde punktgleich mit ihrem siegenden Bruder Bilgin Zweite und ließ sogar E. Schäfer klar hinter sich. Bei den Sachsenmeisterschaften spielte sie (vorberechtigt für die Deutsche Jugend-Meisterschaft) in der AK U14w. Mit 3 aus 7 wurde sie zwar nur Elfte, hatte aber wieder viel dazu gelernt. Außerdem wurde sie bereits in Open-Turniere der Erwachsenen geschickt, um auch vom Verlieren gegen stärkere Erwachsene zu profitieren. So konnte sie 2004 schon als Mitfavoritin in die Deutsche Jugendmeisterschaft U10w geschickt werden. Und der erhoffte Erfolg blieb nicht aus: Filiz wurde 2004 erstmals Deutsche Meisterin in der Altersklasse U10w. Allerdings war es ein ganz knapper Zittersieg, besonders in der letzten Partie gegen die Dresdnerin Saskia Stark.

Für ihre weitere Entwicklung war von größter Bedeutung, dass sie bereits als Neunjährige im Herbst 2005 ins Sportgymnasium Dresden kam und dort in die Hände von IM Miroslav Shvartz und danach IM David Lobshanidze. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass sie als Kaderspielerin bereits zuvor mit anderen Spitzenjugendlichen des USV TU Dresden (B. Osmanodja und Ph. Boos) ab und an die Möglichkeit von Unterrichtsstunden am Sportgymnasium erhalten hatte. Seitdem sie in den DSB-Kader aufgenommen worden war, kam meist einmal monatlich Bundes-Nachwuchstrainer B. Vökler nach Dresden, um sie und andere Kader im Sportgymnasium zu betreuen.

So war es bei ihrem Talent und ihrer Spielfreude eigentlich logisch, dass sie diesmal allerdings mit klarem Vorsprung 2005 und 2006 wiederum Deutsche Meisterin in der Altersklasse U10w wurde. Nicht erwartet war allerdings, dass sie bei der Deutschen Jugendmeisterschaft U10 (Mädchen und Jungen spielen in einem Turnier zwei Titel aus) alle Jungen hinter sich ließ und den Gesamtturniersieg (und damit den Titel Deutscher Meister U10) überlegen mit 9,5 Punkten aus 11 Partien erspielte.

In der Zwischenzeit hatte Filiz an mehreren Europa- und Weltmeisterschaften der Altersklasse U10 teilgenommen und sich dabei Schritt für Schritt nach vorn gearbeitet. Zu einer Platzierung unter den Top Ten hatte es bisher aber noch nicht ganz gereicht. Ihre letzte Chance in der U10 hatte sie 2006. Und diese hat sie auch genutzt. Sowohl bei der EM als auch bei der WM der Jugend wurde sie Fünfte in der AK U10w! Ausgezeichnet! Dabei hatte es kurz vor Schluss bei der WM sogar noch nach viel mehr ausgesehen. Nach 8 Runden bei der WM führte sie mit einem halben Punkt Vorsprung das Feld an. Verständlich, dass in diesem Moment die nervliche Belastung wohl etwas zu groß war. Es folgte ein kritisches Jahr. Der Übergang aus der U10 in die U12 ist für erfolgsgewöhnte Kinder stets schwierig. Bei Filiz kam hinzu, dass sie sich Schritt für Schritt daran gewöhnt hatte, mehr Bedenkzeit zu investieren und wenig Zeit für die letzten Züge vor der Zeitkontrolle aufzuheben. So kam es, dass sie in Zeitnot mehrfach grobe Fehler machte und in mehreren Mannschaftskämpfen selbst in Gewinnstellung die Zeit überschritt. Bei ihrer ersten Teilnahme an einer Frauen-Europameisterschaft 2007 in Dresden konnte sie das noch überspielen. Die Bedenkzeit mit 30 Zusatzsekunden/Zug kam ihr entgegen. Öfter mussten diese Zusatzsekunden ausreichen. Sie spielte besonders mit Weiß ausgezeichnet, erreichte (als 149. gestartet) mit 4,5 Punkten aus 11 Partien den 121. Platz von 150 Gestarteten, mit einer Performance von 2117 die beste Performance des ganzen Turniers und wurde mit einem Sonderpreis belohnt. Turniere ohne Zusatzsekunden liefen nicht so gut. Bei der Deutschen Jugendmeisterschaft 2007 U12w erreichte sie zwar den 2. Platz, blieb aber 1,5 Punkte hinter Hanna-Marie Klek zurück, die sie vor zwei Jahren in der U10 noch klar distanziert hatte. Der 31. Platz bei der EM und der 29. Platz bei der WM waren keine Enttäuschung, aber auch kein vorwärts weisender Erfolg.

Aber Filiz wäre nicht Filiz, wenn sie damit zufrieden gewesen wäre. Die Trainingsarbeit am Sportgymnasium mit David Lobshanidze (zu der ich mit 1,5 Jahren Endspieltraining 2006–2007 vielleicht ein Scherfchen beitragen konnte) kam ihrer Partieanlage sehr zugute. An ihren Schwächen wurde von Filiz intensiv gearbeitet. So konnte das Jahr 2008 bisher ihr erfolgreichstes Jahr werden. Es begann mit einem Doppelsieg bei der Deutschen Jugendmeisterschaft 2008: Mit 9 P. aus 11 Partien hatte sie bei den Mädchen 3,5 Punkte Vorsprung!! Wertvoller war der Sieg im Gesamtturnier, das sie vor Matthias Blübaum (8,5 P.) gewann! Auch ihr Start beim ZMD-Open im Juli in Dresden verlief sehr erfolgreich. Erstmals gelang es ihr, mit F. Tahirov (Aserbaidschan) einen Großmeister zu besiegen. Mit einer Performance von 2129 erreichte sie die bisher höchste Performance ihrer Laufbahn. Mit der Platzzahl 157 gestartet erreichte sie am Ende einen sehr guten 105. Platz. Damit hatte Filiz Erwartungen auf einen Platz wenigstens unter den Top Ten bei der Jugend-Europameisterschaft geweckt. Dass sie einen hervorragenden zweiten Platz mit 7 P. aus 9 Partien erreichen würde, wurde gehofft, aber nicht erwartet. Damit hat die Laufbahn von Filiz nun einen neuen Höhepunkt erreicht.

Simultanspiel in Dresdner Rathaus August 2008 Mit dieser Leistung weckt Filiz natürlich viele Hoffnungen für die Zukunft. Manche werden schon einen Medaillenplatz bei der Jugend-WM Ende Oktober in Vietnam prognostizieren. Ich möchte die Erwartungen lieber etwas dämpfen. Filiz ist ein großes Talent. Aber das Wachstum eines solchen Talents ist ein langjähriger Prozess, der von vielen Randbedingungen abhängt. Sicher werden wir an ihren Leistungen noch viel Freude haben. Es wird Erfolge, aber auch Rückschläge geben. Ob sie einmal in die Fußtapfen der Dresdnerin Weltklassespielerin Edith Keller-Herrmann tritt, wird die Zeit zeigen. Lassen wir sie in Ruhe weiter reifen und unterstützen wir sie dort, wo wir es können.

In nächster Zeit stehen erst einmal einige Probleme vor ihr. Der Übergang von der U12 zur U14 wird ihr hoffentlich leichter fallen als der von der U10 zur U12. Der sie stets unterstützende Schach-Organisator am Sportgymnasium, Falk Sempert, hat das Sportgymnasium aus beruflichen Gründen verlassen. Ihr Trainer D. Lobshanidze soll das Sportgymnasium (wohl aus verständlichen persönlichen Gründen) am Ende des Jahres verlassen, wie mir gesagt wurde. Ich hoffe, dass es im Sportgymnasium gelingt, Filiz erneut einen ausgezeichneten Trainer zur Verfügung zu stellen und sie organisatorisch voll zu unterstützen. Der Unterstützung ihrer Eltern und ihres Vereins kann sie sicher sein.

Aus den bisherigen Zeilen könnte man fälschlicherweise entnehmen, dass es für Filiz nur Schachspiel und natürlich Schule gibt. Das ist völlig falsch. Filiz hat auch andere Interessen wie eine Jugendliche ihres Alters, die von ihren Eltern unterstützt werden. Das sind Ausgleichssport (u. a. Tischtennis), Musik (Saxophon) und Spiele anderer Art.

beim Üben mit dem SaxophonFiliz auf einer Spielemesse

Die Behandlung der folgenden Stellungen belegt die gewachsene Stärke von Filiz im Endspiel:

Stellung 2 Xu, Xianliang – Osmanodja, Filiz, DJM 2008 U12
Filiz führt die Stellung konsequent zum Sieg:
1. … Kg3!, 2. Kxc2 Kf2! 3. Sh3+ Kf1! 4. Sf4 e2 5. Sxe2 Kxe2 6. c4 h3 7. c5 h2 8. b5 h1D 9. a5 Dd5 und Schwarz gewann leicht

Stellung 3 Osmanodja, Filiz – Ivanova, S., Jugend-EM 2008 U12w
In einer Stellung, die eher schlechter für Filiz scheint, findet sie den einzigen Zug, der noch Siegchancen bietet: 1. Txg3! (sonst steht Schwarz besser) Txg3? (Dieser auf der Hand liegende Zug verliert. Schwarz musste schon 1. … Tc7! finden, um Remischancen zu bewahren: 2. Tg2! Tc3 3. Kg4 Kc5 4. Kf5! Tf3 5. Kg6 Te3 6. Lf5 Ta3! 7. h6 Lxh6 8. Kxh6 Txa2 9. Kg6 und Schwarz muss den a-Bauern sofort aktivieren, um noch ein Remis zu erreichen.) 2. Kxg3+- Ta8 3. Kg4! Th8 4. Kg5 Kc5 5. h6 Kd4 6. Kg6 Ke3 7. Kg7 Txh6 8. Kxh6 Kxf3 9. Ld5 Ke3 10. Kg6 Kd4 11. Kf7 Kc3 12. Kxe7 Kxc2 13. Kxd6 a5 14. Kxe5 b4 15. Kd4 und Schwarz gab auf